Kein 10. Opfer

Aus Inrur

Nationalsozialistischer Untergrund


VIDEO über die Demos "Kein 10. Opfer" Kassel + Dortmund 2006
welches unbedingt bei youtube hochgeladen werden sollte

DER TEXT FÄNGT MIT DER ÜBLICHEN EINGRENZUNG (WIEDER BESSERES WISSEN) AN :-(

Zwischen 2000 und 2006 ermordete eine dreiköpfige Neonazi-Terrorzelle (NSU) gezielt neun Männer mit Migrationshintergrund und verübte zwei Bombenanschläge, bei denen mehr als 30 Personen vorwiegend mit Migrationshintergrund schwer verletzt wurden.

Die deutschen Behörden, Polizei und Staatsanwaltschaft, beschuldigten die Familien und Freundeskreise der Mordopfer einer (Mit)- Täterschaft und schlossen bis zur Selbstenttarnung des NSU 2011 einen rassistischen Hintergrund der Morde aus.

Seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland organisieren sich jedoch alte und neue Nazis in Parteien, gewalttätigen Kameradschaften und terroristischen Untergrundgruppen. Sie sind für rassistische Pogrome und Mord- und Bombenanschläge verantwortlich. Erinnert sei an den Bombenanschlag auf das Münchener Oktoberfest 1980 (13 Tote) und an die rassistischen Mord- und Brandanschläge in Mölln 1992 (drei Tote) und Solingen 1993 (fünf Tote).

Es wurde bekannt, dass verschiedene deutsche Geheimdienste mit den Tätern im Kontakt standen. Die genaue Klärung dieser Verstrickung wird von den Behörden massiv durch Aktenschreddern be- bzw. verhindert.

Gleichzeitig werden Antifaschisten rigoros verfolgt wie der 20 jährige Deniz Kalan, der nach Tumulten während einer Nürnberger Protestdemonstration gegen die NSU-Morde zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Die Trauer, der Schmerz und die Wut der Angehörigen bleiben in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausgeblendet. Vor allem auch die Tatsache, dass es kollektiven Protest gegen die entwürdigende Praxis der Behörden gab.

  1. Schweigemärsche Kassel und Dortmund Mai und Juni 2006

Kassel, 6. Mai 2006


Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat in seinem Internetcafe in der Holländischen Straße ermordet. Sein Vater Ismail Yozgat ist seit langem in einem türkischen Kulturverein organisiert. Der damalige Vorsitzende es Vereins, Mehmet Demircan, der Stellvertreter und andere aus dem Verein sowie Ismail Yozgat waren der festen Ansicht, dass die Vermutungen, die von Seiten der Polizei und der Medien angestellt wurden, dass es sich um eine Schutzgelderpressung, „türkische Mafia“ etc. handeln würde, abwegig waren. Sie gingen vielmehr von einem rassistischen Tatmotiv aus. Die Motivation für den Schweigemarsch war es, Öffentlichkeit herzustellen und Druck aufzubauen, in alle Richtungen zu ermitteln. Die Berliner Zeitung vom 15. Juli 2006: „Er [Mehmet Demircan] sagt, dass der Freund [Ismail Yozgat] noch immer unter Schock steht. Demircan denkt, dass es bei den Morden um Ausländerhass geht. "Die deutsche Regierung traut sich bloß nicht, das zuzugeben." Im Mai hat der Kulturverein in Kassel einen Schweigemarsch zum Rathaus organisiert. Fast viertausend Leute waren gekommen, Vertreter der politischen Parteien, der beiden Kirchen, der Jüdischen Gemeinde. Sie wollten an den jungen Mann aus ihrer Mitte erinnern und öffentlich fordern, dass der oder die Mörder endlich gefunden werden müssen. Es geht ihnen nicht nur um eine Bestrafung. "Die Mörder sind immer noch unter uns", sagt Mehmet Demircan, "und unsere Freunde und Bekannte, darunter viele kleine Geschäftsleute, haben Angst." Für den Schweigemarsch wurden angesprochen: Die türkischen Kultur- und Sportvereine, die Moscheeverbände, die Kirchen, die Jüdische Gemeinde, das türkische und griechische Konsulat in Frankfurt, die Parteien, die Gewerkschaften, der Bürgermeister der Stadt Kassel, der Ausländerbeirat. Vertreter vom türkischen und griechischen Konsulat sind nicht gekommen. Es wurden Plakate gedruckt, die in viele Läden gehängt wurden. Es wurden Transparente gemalt u.a. mit den Parolen: Stoppt die Mörder! Wir wollen kein zehntes Opfer! Wo ist die Polizei?

Es kamen ca. 4-5.000 Menschen. Es waren vor allem Menschen mit Migrationshintergrund.

Der Schweigemarsch fand am 6. Mai 2006, einen Monat nach dem Mord, statt. Der Schweigemarsch ging quer durch die Stadt und endete am Rathaus Kassel. Dort sprachen u.a.: Ismail Yozgat, Semiya Simsek, der Cousin von Mehmet Kubasik, Kamil Saygin (Ausländerbeirat) und ein Vertreter der Stadt Kassel.

Dortmund, 11. Juni 2006

Am 4. April 2006 wurde Mehmet Kubasik in seinem Kiosk in der Mallinckrodtstraße ermordet. Nachdem die Familie Kubasik bei dem Schweigemarsch in Kassel war, beschloss sie, einen ähnlichen Schweigemarsch in Dortmund zu organisieren. Sie und der Alevitische Kulturverein waren die treibenden Kräfte. Leider kam kein breites Bündnis wie in Kassel zustande, Moscheevereine bspw. und auch das türkische Konsulat sagten ab. Es kamen ca. 200-300, vor allem Freundinnen und Freunde der Familie aus der Alevitischen Gemeinde und dem Alevitischen Kulturverein sowie Nachbar_innen und ehemalige Kund_innen. Der Schweigemarsch ging vom Kiosk in der Mallinckrodtstraße zum Hauptbahnhof. Dort sprachen u.a. Gamze Kubasik, die Tochter von Mehmet Kubasik, und Ismail Yozgat.

In einem Artikel in der taz vom 13. Juni 2006 steht: „Die Ermittlungsbehörden machen nicht genug“ findet Cem Yilmaz vom Alevitischen Kulturverein Dortmund, der diesen Trauermarsch zusammen mit den Angehörigen organisiert hat und sie seit dem Mord betreut. „Alle Opfer sind Migranten. Da ist doch ein rechtsextremistischer Hintergrund sehr einleuchtend“, sagt der Vereinsvorsitzende. „Stattdessen gucken die Ermittler nur nach links, wollen wissen, ob Mehmet in der PKK aktiv war.“

Von der Kundgebung in Dortmund haben wir bislang leider keine Aufnahmen, in der taz vom 13.6. finden sich diese Zitate: „Polizei, Innenministerium: Macht etwas!“, ruft Halit Yozgats Vater bei der Kundgebung am Hauptbahnhof ins Mikrophon. „Es kann nicht sein, dass ihr seit fast sechs Jahren keine Täter habt.“ Und es könne auch nicht sein, dass Einwanderer in Deutschland nicht geschützt werden können. Auch Gamze, die 20-jährige Tochter von Mehmet Kubasik, spricht zur Menge. Von ihrem Schmerz und ihrer Wut. „Bitte schaut nicht weg, liebe Dortmunder“, sagt sie zum Schluss. „Es kann ja wohl nicht sein, dass niemand etwas gesehen hat.“

APABiZ Monitor 54

NSU watchblog

Mehr als einhundert Tage sind vergangen, seitdem im November vergangenen Jahres die Existenz einer nationalsozialistischen Terrorzelle bekannt geworden ist.
Die Medien versuchen seitdem, die Taten des »Zwickauer Trios« zu klären. Auf Bundes- und Landesebene sollen parlamentarische Ausschüsse behördliche Versäumnisse untersuchen.
Aber der Rassismus, der für die Taten und für die Arbeitsweise der Behörden gleichermaßen inspirierend war, gerät nur mühsam in den Blick.

aus: monitor – Rundbrief des apabiz Nr. 54
Dabei hätten wir alle eigentlich nur aufmerksamer hinschauen müssen, um der Wahrheit näher zu kommen.
Eine Gelegenheit hätte es beispielsweise im Frühjahr 2006 gegeben, vor inzwischen weit über fünf Jahren.
Es war der 6. Mai als rund zweitausend Menschen, fast ausschließlich türkisch-deutsche Familien und Angehörige der Opfer, im nordhessischen Kassel auf die Straße gingen.
Sie waren aufgeschreckt durch eine mysteriöse Mordserie, die in der Presse ebenso plakativ wie verachtend als »Döner-Morde« bezeichnet wurde.
Unter dem Banner »Kein 10. Opfer!« gaben die Teilnehmenden kund, dass sie diese Serie tatsächlich als das empfanden, als was die Täter des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) sie planten: als gezielte Exekutionen von Deutschen migrantischer Herkunft.

»’Bitte helft der Polizei, damit nicht noch mehr Menschen sterben’, bat der Angehörige eines der türkischen Opfer auf der Kasseler Demonstration seine Landsleute.« schrieb die taz Monate später.1

Wobei im Artikel unklar bleibt, ob mit »Landsleuten« die anwesenden »rund zweitausend Türken und ihre Familien« gemeint waren oder die Kasseler Bevölkerung.
Die Demo war ein verzweifelter Versuch, auf die Mordserie hinzuweisen und den Angehörigen der Opfer eine Stimme zu geben.
Genauso wie ein Schweigemarsch, der einen Monat später in Dortmund stattfand.2
Und schon damals war in den Aussagen spürbar, wovon viele türkische Deutsche auch jetzt sprechen: das bedrohliche Gefühl, in diesem Land nicht beschützt zu werden. In dem Versuch, darauf öffentlich hinzuweisen, blieben sie fast völlig unter sich.

1 # Vgl. Suzan Gülfirat: Irgendjemand muss ihn kennen. In: taz v. 11. September 2006, S.6; dies.: »Bitte helft der Polizei!« in Der Tagesspiegel v. 8. Mai 2006. ↩
2 # Vgl. Pascal Beucker: Eine Mordserie im Hintergrund. In: taz nrw v. 10. Juni 2006. ↩
http://nsu-watch.apabiz.de/2012/02/rassismus-to%CC%88tet-hundert-tage-aufregung-u%CC%88ber-den-nsu/

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