Hauen und Stechen an der AfD-Spitze

Aus Inrur

Blick nach rechts
Hauen und Stechen an der AfD-Spitze

von Horst Freires

11.03.2016 - Im hohen Norden zeigt sich der AfD-Landesvorstand heillos zerstritten –
insbesondere der Landeschef Thomsen ist Zielscheibe für parteiinerne Anfeindungen.

Feindselige Personalauseinandersetzung im AfD-Landesverband (Screenshot)
Etwas mehr als ein halbes Jahr ist der schleswig-holsteinische Landesvorstand der AfD im Amt,
da fällt das Spitzengremium auch schon wieder auseinander.
Die Führungsebene der Partei ist hoffnungslos zerstritten.
Persönliche Karrierewünsche und Eitelkeiten sorgen für Neid und Missgunst untereinander.
Der Landesvorsitzende Thomas Thomsen aus Travemünde gibt zu:
„Der Vorstand ist so zerstritten, dass er nicht arbeitsfähig ist.“
Insbesondere der 66-Jährige ist Zielscheibe für parteiinterne Anfeindungen.
In einem Mitgliederbrief fordern sieben der zehn Vorstandsmitglieder Thomsen auf,
sein Amt niederzulegen, und wollen alternativ eine Abwahl anzetteln.
Zu den Widersachern des Landeschefs gehören auch
dessen Stellvertreter Jörg Nobis (Kaltenkirchen) und Volker Schnurrbusch (Ahrensburg).

Der nächste Landesparteitag ist für den 16. April anberaumt, und dort dürfte es hoch hergehen.
Auch Thomsen spricht inzwischen von Neuwahlen für den Landesvorstand,
will aber genau dafür wieder kandidieren.
Hintergrund der Streitigkeiten sind die Ambitionen zahlreicher Parteigänger für aussichtsreiche Listenplätze zur Landtagswahl im Mai 2017.
Ein Landtagsmandat bietet auch für manch einen Politik-Nobody eine finanziell attraktive Aussicht.

Schwierige Suche nach Veranstaltungsräumlichkeiten

In dieser feindseligen Personalauseinandersetzung rücken die Inhalte komplett in den Hintergrund.
Auch im nördlichsten AfD-Landesverband setzt man auf das einzige Thema,
die Flüchtlingsdebatte, und hofft insgeheim, auch ohne viel eigenes Dazutun
auf der rechtspopulistischen Euphoriewelle der Partei nächstes Jahr ins Kieler Landeshaus gespült zu werden.
Vorwürfen der Islam- und allgemeinen Fremdenfeindlichkeit tritt man entgegen,
indem man auf den Kieler Achille Demagbo verweist,
einen gebürtigen Westafrikaner aus Benin,
der im AfD-Landesvorstand den Posten des Zuwanderungs- und Integrationsbeauftragten wahrnimmt
und auch gerne für Veranstaltungen seiner Partei in anderen Bundesländern eingeladen wird.
So war der Sprachwissenschaftler und Konferenzdolmetscher
etwa Anfang des Monats im hessischen Kommunalwahlkampf unterwegs.

Ansonsten tut sich die Partei mit ihren derzeit rund 800 Mitgliedern immer schwerer,
Veranstaltungen zu platzieren.
Immer mehr Gastwirte und Hoteliers weigern sich,
der AfD Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.
Der gebürtige Lübecker Klaus Peter Krause, früherer Wirtschaftsredakteur bei der „Frankfurter Allgemeinen
und heute bei der AfD, empfiehlt seiner Partei speziell in Schleswig-Holstein,
eigene Veranstaltungen nur dann öffentlich zu bewerben,
wenn auch die eigene Parteikasse entsprechend gefüllt ist,
denn durch inzwischen ausnahmslos zu erwartende Gegenproteste würden eigentlich immer Kosten verursacht,
etwa für einen zu bezahlenden Sicherheitsdienst.
Der 80-jährige erzkonservative Vordenker
ist beispielsweise mit Beiträgen im neurechten Magazin „Eigentümlich frei“ zu finden.

AfD will Wahlabend ausgerechnet in Eggebek feiern

Mit Anti-AfD-Demonstrierenden wird einmal mehr am Sonntagabend in Eggebek (Kreis Schleswig-Flensburg) gerechnet.
Dort will der nördliche AfD-Kreisverband den Wahlabend nach zu erwarteten Erfolgen
in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz feiern.
Die SPD-Landtagsabgeordnete Birte Pauls
ist über die offenbar kalkuliert wie provokativ ausgeguckte Örtlichkeit der Zusammenkunft jedenfalls mehr als empört:
„Es ist doch kein Zufall, dass die AfD sich ausgerechnet in dem Ort trifft,
in dem gerade eine neue Landesunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet wurde.“

In den Facebook-Einträgen ihrer Kreisverbände vermeidet es die AfD,
die eigenen Personalquerelen zu thematisieren.
Dort euphorisiert man sich an den aktuellen Hochrechnungen für die Partei
und an ständig geposteten Beiträgen über vermeintliches Flüchtlingsfehlverhalten und über aufgelistete Fälle von Ausländerkriminalität.
Von dem internen Zwist könnte unterdessen jemand wie Julian Flak profitieren.
Der Wirtschaftsjurist ist erst vor wenigen Wochen vom Hamburger Landesverband,
in dem er immerhin stellvertretender Landessprecher war,
nach Schleswig-Holstein in den mitgliedermäßig zweitgrößten Kreisverband Pinneberg übergewechselt.
Flak ist Beisitzer im AfD-Bundesvorstand und im Jugendverband der Partei „Junge Alternative“ aktiv.
Erst im Herbst sollen Landtagswahlprogramm und Listenaufstellung verabschiedet werden – Zeit genug für Flak,
seinen Erstwohnsitz von Hamburg in den Norden zu verlegen.
Vielleicht liebäugelt er aber auch jetzt bereits mit einer Bundestagskandidatur.
Auf Kreisebene ist die AfD im Norden nicht besonders gut aufgestellt.
Nur rund die Hälfte aller zu vergebenden Ämter ist derzeit besetzt.

Werbung für „Neumünster wehrt sich“ auf Facebook

Angesprochen auf klar rechtsgerichtete Auffälligkeiten in seinem Landesverband,
etwa wenn der Kreisvorsitzende der AfD Neumünster, Kay Albrecht,
in einem Interview 2014 die deutsche Kriegsschuld am 2. Weltkrieg herunterspielt,
reagiert der Landeschef Thomsen beinahe teilnahmslos.
Er spricht von einem Einzelfall, der immer einmal vorkommen könne und der vom betroffenen Kreisverband zu klären sei.
Albrecht versucht ebenfalls aus der Angelegenheit herauszukommen,
indem er laut NDR von einer anfänglichen Dummheit spricht.
Er habe sich vom fragenden Reporter provozieren lassen,
wird nun der damalige Interviewer von Albrecht in eine angeblich zwielichtige Ecke gestellt.

Mit der Distanzierung gegenüber exponierten Rechtsextremisten
nimmt man es generell nicht so ernst.
Auf der AfD-Facebook-Seite des Landesverbandes
durfte einer der Antreiber der Initiative „Neumünster wehrt sich“, Manfred Riemke,
bereits mehrere Male Kommentare abgeben
und für seine Veranstaltungen werben,
ohne dass sich jemand an solchen entsprechenden Postings gestört hat.